Seit 20 Jahren gibt es die Tettnanger Tafel. Wir haben zugesehen, wie das komplexe System funktioniert und was an Arbeit drinsteckt.
Seit der Gründung 2006 ist vieles passiert
Im April 2006 wurde die Einrichtung mit viel Idealismus und noch mehr Engagement der katholischen und evangelischen Kirchengemeinde zusammen mit dem Ortsverein des Roten Kreuzes offiziell aus der Taufe gehoben, damals noch am Montfortplatz neben dem Rathaus. Die Tafel, seit 2017 in der Kalchenstraße 9 untergekommen, hat dienstags und freitags je zwei Stunden geöffnet. Bis der Laden seine Türen für die durchschnittlich 40 bis 60 Kunden pro Verkaufstag öffnet, ist im Hintergrund eine ganze Menge passiert. Das funktioniert nur dank der Helferinnen und Helfer, die sich mit ihrer Zeit und ihrem Herzblut für das Projekt einbringen.
Vier Teams wechseln sich ab
Viele, viele Stunden kommen so jedes Jahr zusammen, genau beziffern kann das Klaus Nuber als Vorsitzender des Tafelvereins nicht. In Tettnang wechseln sich vier Teams ab, pro Einkaufstag sind rund 20 Ehrenamtliche dabei und sorgen dafür, dass die Rädchen ineinandergreifen. Sie versehen verschiedene Aufgaben. Das sind zunächst die Fahrer, die Lebensmittelhändler, Landwirte, Bäckereien und Metzgereien auf ihrer Tour abfahren. Eine Gruppe bereitet anschließend die eingesammelten Lebensmittel auf, eine weitere Gruppe kümmert sich dann um den Verkauf.
Die Ware wird gründlich geprüft und vorbereitet
An diesem Dienstagvormittag ist Teamleiterin Diana Sterk vor Ort. Als erstes geht es in den Vorbereitungsraum. Dort stapeln sich schon die ersten Kisten mit Obst und Gemüse, die Dietmar Sauer und Anton Dürmuth eingesammelt haben. Irmgard Maurer, Florentina Delgado und Monika Striedacher – Hedwig Haupt ist heute krank – haben sich eine orangene Schürze mit Tafelaufdruck umgebunden. Sie sortieren die Lebensmittel nach ihrer Verwendbarkeit. „Ich orientiere mich daran: Was ich selbst noch nehmen würde, das kommt in den Laden“, erklärt Irmgard Maurer. Denn wenn die Händler die Waren abgeben, sind sie nicht mehr verkaufbar. Die Frauen öffnen jede Packung, sortieren faulige oder schimmlige Ware sofort aus - und entsorgen so gleich noch jede Menge Verpackungsmüll. Auch im Laden wird derweil hergerichtet und geräumt. Anna Graljuk kümmert sich ums Brot, im Laden steht eine richtige Bäckereitheke. Für Brot bezahlen die Kunden nichts, nur ein süßes Stück kostet ein bisschen was. In Kühlschränken gibt es Wurstwaren, Käse und andere Lebensmittel, die gekühlt werden müssen. In einem Regal stehen Konserven, Trockenvorräte und Schokonikoläuse, auf einem Tisch die Eier. An diesem Tag kommen viele Blumen im Laden an, kurz zuvor war Valentinstag. Die dürfen die Kunden dann so mitnehmen.
Einkaufen in Würde zu symbolischen Preisen
Die Tafel bezieht ihre Lebensmittel aus dem Handel und von Landwirten, aus Einzelspenden oder Spendenaktionen. Was häufig fehlt, wie zum Beispiel Eier oder Butter, kauft die Tafel mit Spendengeldern zu. Acht zentrale Lager in Baden-Württemberg verteilen außerdem große Industriespenden nach einem festgelegten Schlüssel an die rund 150 Tafeln im Land. Nach gut zwei Stunden sind die Vorbereitungen abgeschlossen. Die Frauen machen noch sauber und saugen durch. Alles ist übersichtlich und attraktiv angeordnet. Darauf ist Klaus Nuber stolz. „Die Warenpräsentation ist bei uns eine Ausnahme. Der oberste Grundsatz war von Anfang an, den Kunden ein Einkaufen in Würde zu symbolischen Preisen anzubieten. Dies ist in Zeiten von hohen Inflationsraten und immer teurer werden Lebensmitteln umso wichtiger“, sagt er.
Nach dem Losprinzip werden Nummern an wartende Kunden verteilt
Am Nachmittag zur Öffnung übernimmt Steffi Maier mit ihrem Team. Nach dem Losprinzip verteilt Maier Nummern an die wartenden Kunden, die ihre Bedürftigkeit per Ausweis nachweisen müssen. So können etwa acht Kunden in Ruhe ihre Einkäufe erledigen, ohne dass der Laden zu voll wird. Das Einzugsgebiet der Tafel erstreckt sich auf die Gemeinden Tettnang, Meckenbeuren, Neukirch und Langenargen. Mit im Team ist wieder Anna Graljuk, die den Kunden nun das Obst und Gemüse verkauft. Margret Bichl, Helga Furtmaier und Elke Kreis kümmern sich um den Verkauf und die Kasse. Eine besondere Aufgabe besteht darin, den Kassenbetrag zu ermitteln: Steffi Maier legt jedes einzelne Stück aus dem Kundenkorb um und zählt die Preise im Kopf zusammen. „Da muss man sich gut konzentrieren, um nicht ständig von vorne zu beginnen“, lacht sie.
Oft reicht die Rente nicht mehr zum Leben
Derweil warten die Käufer vor dem Laden, bis ihre Losnummer an der Reihe ist. Rentnerin S. Schmid, die ihren vollen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, ist eine von ihnen. Sie kommt etwa einmal pro Monat, hat sich ein wenig abseits auf die Bank gesetzt. Mittlerweile würden viele Ukrainer und andere Asylbewerber die Tafel nutzen. Von ihnen fühlt sie sich an den Rand gedrängt. Frau Schmid, die sichtlich Wert auf ihr gepflegtes Äußeres legt, hat heute mit der Nummer 52 ein spätes Los gezogen. „Ich hoffe, es ist nachher noch was da“, sagt sie. 35 Jahre habe sie gearbeitet, nun reiche die Rente nicht mehr zum Leben aus. „Aber viele Rentner sind auf die Tafel angewiesen“, meint die Frau. Das Angebot in der Tettnanger Tafel bewertet sie mit „an sich schon ok“. Manchmal gebe es viele abgelaufene Lebensmittel. Dann sei sie, vor allem bei gekühlter Ware, vorsichtig. „Aber ich bin froh, dass es die Tafel gibt und Menschen sich dafür engagieren“, sagt sie abschließend.
“Krisen wird es immer geben”
Langsam neigt sich der Nachmittag dem Ende zu. Die Blumen sind weg, die meisten frischen Lebensmittel ebenfalls. Was jetzt noch übrig ist, holen die ehrenamtlichen Lebensmittelretter von „Retty“ und packen es in ihren Schrank am Montfortplatz. Das komplexe System, Lebensmittel an bedürftige Menschen zu verteilen, funktioniert. Aber: Darf man überhaupt feiern, dass es eine solche Einrichtung gibt, dass es sie geben muss? Klaus Nuber ist sich dieses Widerspruchs sehr wohl bewusst. „In Deutschland sind heute rund 13 Millionen Menschen armutsgefährdet“, sagt er. Die Tafel habe vor 20 Jahren ganz klein angefangen und sei immer weitergewachsen. Heute versorgt die Einrichtung längst nicht mehr nur hier lebende Rentner oder andere Bedürftige. Auch Asylsuchende oder wie zuletzt viele Ukrainer nutzen die Tafel. „Und Krisen wird es immer geben“, bilanziert Nuber. Zudem sei klar, dass strukturelle Ursachen von Armut bleiben oder sich eher noch verschärfen.
“Wir feiern die Tafelidee in einem angemessenen Rahmen”
Feiern möchte der Tafelverein dennoch, nicht zuletzt wegen des herausragenden Engagements der Mitarbeitenden. In der Vereinsführung und mit allen Helferinnen und Helfern bringen sich rund 110 Ehrenamtliche für die Tettnanger Tafel ein. „Und das darf man schon feiern. Aber wir tun es mit geladenen Gästen, unseren Sponsoren und den Mitarbeitenden in einem der Tafelidee angemessenen Rahmen“, so Nuber.
Quelle: SZ, Angela Schneider
